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Diabetische Zystopathie

Die diabetische Zystopathie gilt als Folgeerkrankung des Diabetes mellitus, im Verlauf kann es zur Harninkontinenz kommen. Für Betroffene geht das Krankheitsbild oft mit Scham und Vermeidungsverhalten einher. Die Erkrankung ist jedoch therapierbar und in vielen Fällen heilbar.
Blutzuckermessgerät

Was ist eine diabetische Zystopathie? 

Bei der Zystopathie kommt es zu einer Störung der Nerven im unteren Harntrakt. Die Erkrankung ist vergleichbar mit Nervenschädigungen in Händen und Füßen (Polyneuropathie), Augen (Retinopathie) oder der Funktionsstörung des Magens (Gastropathie). Durch die geschädigten Nerven können Signale einer vollen Harnblase nicht mehr vollumfänglich an das Gehirn weitergeleitet werden. Das Gefühl einer vollen Harnblase geht verloren und Betroffene verspüren Harndrang erst bei einer sehr vollen Blase. Die Erkrankung ist bei Menschen mit Diabetes mit einer Prävalenz (Krankheitshäufigkeit) von 43 bis 87 % sehr häufig und betrifft insbesondere ältere Menschen [5]. Die Erkrankung gilt als Spätfolge des Diabetes mellitus [4].

Wie entsteht eine diabetische Zystopathie

Wie bei allen diabetischen Neuropathien liegt die Hauptursache in einem anhaltenden schlechten Blutzuckermanagement im Krankheitsverlauf des Diabetes mellitus [4, 6]. Die Entstehung ist ein schleichender Prozess, sie wird zusätzlich begünstigt durch folgende ausgewählte Risikofaktoren [6]: 

  • Lebensalter (je älter, so wahrscheinlicher)
  • Diabetesdauer
  • Diabeteseinstellung
  • Mangelnde körperliche Aktivität
  • Übergewicht oder Adipositas
  • Alkohol und Nikotin
  • Fettstoffwechselstörung (wie z. B. zu hohe Cholesterinwerte)

Symptome: Diabetische Zystopathie erkennen

Die Symptome zeigen sich in unterschiedlicher Ausprägung und gehen mit einer hohen Belastung für Betroffene einher. Mögliche krankheitsspezifische Symptome sind [1, 4]:

  • unwillkürlicher Harnabgang (Harninkontinenz)
  • unwillkürliche Urinabgabe bei Belastungen (Stress-/Belastungsinkontinenz) 
  • plötzlich kaum/nicht beherrschbarer Harndrang (Dranginkontinenz)
  • unbemerkter Verlust von kleineren Urinmengen bei voller Blase (Überlaufinkontinenz/ Tröpfcheninkontinenz)
  • vermehrtes nächtliches Wasserlassen (Nykturie)
  • häufiger Harndrang und vermehrtes Wasserlassen von kleinen Urinmengen (Pollakisurie)
  • Verbleib von Restharn in der Harnblase nach dem Wasserlassen
  • erhöhtes Risiko von Infektionen im in den Harnwegen

Sollten Symptome dieser Art auftreten, hole dir bitte medizinischen Rat ein. Die Diagnostik und Therapie kann von verschiedenen Fachärzt:innen vorgenommen werden.

Diagnostik bei Verdacht auf diabetische Zystopathie

Bei einem Verdacht kann die Basisuntersuchung durch die Hausarztpraxis, aber auch durch Gynäkolog:innen, Urolog:innen, Chirurg:innen oder Proktolog:innen vorgenommen werden [1]. Da verschiedene Formen von Inkontinenz möglich sind, werden im ersten Schritt sogenannte Miktionsprotokolle (Miktion = Wasserlassen) eingesetzt. In Verbindung mit körperlichen Untersuchungen geben sie Aufschluss über die Häufigkeit des Wasserlassens, der Harnmenge und weitere krankheitsrelevante Aspekte. 

Im Verlauf können passende Behandlungsmethoden gefunden und besprochen werden. Bei älteren Patient:innen mit Diabetes mellitus wird im jährlich stattfindenden Inkontinenz-Assessment  in der behandelnden Diabetespraxis überprüft, ob ggf. Belastungs-, Drang- oder Überlaufinkontinenz bestehen oder neu hinzugekommen sind [4]. Die Kombination der Dranginkontinenz in der Nacht und ggf. mögliche Unterzuckerungen (Hypoglykämie) erhöhen das Sturzrisiko [4]. 

Behandlung der diabetischen Zystopathie

Generell soll die Überdehnung der Harnblase durch eine zu starke Harnansammlung vermieden werden. Aus diesem Grund ist es ratsam, alle drei bis fünf Stunden Wasser zu lassen, auch wenn du keinen Harndrang spürst. Bei der Belastungsinkontinenz steht die Stärkung des Beckenbodens durch gezieltes Training im Vordergrund. Darüber hinaus können diverse Medikamente zum Einsatz kommen. Bei fortschreitender Symptomatik gibt es operative Möglichkeiten. Eine letzte Therapieoption ist der sogenannte Blasenverweilkatheter. Das ist ein Kunststoffschlauch, der durch die Harnröhre geführt und in der Harnblase platziert wird. Durch den Katheter wird der Harn in einen Auffangbeutel geleitet. [4]

Beckenbodentraining – Training für die Blase

Die Beckenbodenmuskulatur ist unter anderem dafür zuständig, den Harndrang zu kontrollieren. Ein regelmäßiges Beckenbodentraining hilft, wieder mehr Kontrolle über den Harndrang zu bekommen [4]. Gezieltes Spüren und Anspannen der Schließmuskeln sollte anfangs mehrmals täglich geübt werden. Wende dich an ein:e Fachexpert:in (z. B.: ein:e Physio- oder Sporttherapeut:in) um herauszufinden, welche Übungen zu dir passen.

Hilfestellen

Bitte sprich über auftretende Symptome und suche dir ärztliche Beratung [1].  Bei der Deutschen Kontinenz Gesellschaft unter www.kontinenz-gesellschaft.de steht die Möglichkeit einer Expert:innen-Suche für den eigenen Umkreis zur Verfügung. Im Netzwerk der Deutschen Kontinenz Gesellschaft befinden sich ca. 1.300 Beratungsstellen. Auch stehen Adressen, Termine, Links und nützliche Materialien, wie z. B. das Miktions- und Stuhltagebuch, zum Download bereit.

Quellen

[1] Harn- und Stuhlinkontinenz [Internet]. Deutsche Kontinenz Gesellschaft e.V. [zitiert 23. Oktober 2023] Verfügbar unter: http://www.kontinenz-gesellschaft.de/wp-content/uploads/2022/11/211455_DKG_H-uS_02-22_V3.pdf

[2] Gensthaler BM. Diabetische Zystopathie: Wenn Diabetes die Harnblase schädigt. Avoxa – Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH [Internet]. 25. März 2021 [zitiert 23. Oktober 2023]; Verfügbar unter: https://www.pharmazeutische-zeitung.de/wenn-diabetes-die-harnblase-schaedigt-124591/

[3] Zystopathie [Internet]. diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe. [zitiert 30. Oktober 2023]. Verfügbar unter: https://www.diabetesde.org/ueber_diabetes/was_ist_diabetes_/diabetes_lexikon/zystopathie

[4] Bahrmann, A. et al. (2018). S2k-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle des Diabetes mellitus im Alter. Diabetologie und Stoffwechsel, 13(05), 423-489.

[5] Mair D, Madersbacher H. Diabetes mellitus und Harninkontinenz. Früherkennung kann Sekundärschäden vermeiden. ProCare. Pflegepraxis 2010; 15(9):4–28.

[6] Ziegler, D. et al. Diabetische Neuropathie. Diabetologie Und Stoffwechsel [Internet]. 1. Oktober 2022;17(S 02):S339–53. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1055/a-1916-2156